
Am 11.10 kann ich mich endlich auf den Weg in das Bergdorf Bhujung machen. Morgens um 7.00 faehrt der Touri-Bus in Kathmandu ab. Es ist sehr angenehm, man bekommt Wasser, es ist nicht zu heiss und es gibt immer mal wieder Pausen. Um ca. 14 Uhr erreichen wir Dumre, wo ich in einen Public Bus umsteigen muss, der mich nach Beshisahar bringt. Hier wird allerdings gewartet, bis ein Bus voll ist, sonst lohnt es sich nicht. Und mit voll meine ich wirklich voll! Eng, heiss und lange. Im Kofferraum ist auch noch Bier auf meinem Rucksack ausgelaufen. Nach 2 Stunden ist es endlich geschafft und ich kann in meinem Hotel ins Bett fallen. Und am naechsten Tag geht es nach Bhujung. Aehnlich wie in Indien nehmen die Nepalis es sehr gelassen mit der Zeit. Statt um 10 fahre ich um 14 Uhr los. Frueher musste man noch in das Dorf laufen, es gab keine Strasse und man lief sieben Stunden mit oder ohne Traeger durch die Hitze und Regenwald hoch. Heute fahren Jeeps eine, naja nennen wir es mal Strasse hoch. Wegen der Festival-Zeit fahren aber nicht viele Jeeps. Meine einzige Moeglichkeit heute noch hochzukommen ist also auf der Ladeflaeche eines Jeeps. Zusammen mit 6 anderen Leuten, Reissaecken und Bierkisten geht es vier Stunden hoch. Man wird viel hin und her geschleudert, aber die Landschaft ist der Wahnsinn. Und wieder Bier auf meinem Rucksack. Naja.

Es wird kuehler. Als wir da sind, nimmt mich ein Mitarbeiter von ACAP mit zum Buero, zeigt mir mein Zimmer. Ein kleines Kaemmerchen mit Holzwaenden, die sehr hellhoerig sind, und einem kleinen Bett. Isoliert ist es mit einer Plastikfolie, dadurch spuert man jeden Windhauch und die Kaelte nachts. Zum Glueck gibt es Decken. Groessere Spinnen und Ratten als Nachbarn, aber mit ein bisschen Insektenspray kann es sehr gemuetlich werden. Dann gibt es Essen. Daal Bhat (Reis mit Curry und Linsen), was ich ab jetzt jeden Tag zweimal essen werde (Ich habe mal versucht zu zaehlen, am 07.11 waren es schon ca. 49 mal). Aber es ist gut! Am ersten Abend wird mir local wine angeboten. Nichtsahnend probiere ich. Das Ungewohnte ist, dass in Nepal der meisste Alkohol warm getrunken wird . Zum Beispiel Rum mit heissem Wasser oder eben warmer "Wein". Denn das steht hier mehr fuer selbstgebrautes Hochprozentiges.
Zur Organisation selber: ACAP, also das Annapurna Conservation Area Projekt, wurde 1968 gegruendet und fasst mit 7692 Quadratmetern das groesste Projektgebiet Nepals. Es ist an erster Stelle zum Schutz der natuerlichen Ressourcen da. Ausserdem unterstuetzt das Projekt die lokale Bevoelkerung und organisiert den Tourismus in der Gegend. Auslaendische Touristen muessen zum Beispiel 2000 Rupien (ca. 17 Euro) zahlen, um ueberhaupt die Region um den Annapurna betreten zu duerfen.

ACAP ist eine Art Tochterorganisation des NTNC (National Trust for Nature Conservation). Sie foerdert und ermoeglicht zum Beispiel Programme und Projekte im Bereich Agrikultur (Senf-, Tee-, Chilli- und Kaffeeanbau, Health Care oder Ziegenzucht), Kulturerhaltung und Community Development (Trinkwasser, Gemeindehaeuser und private Toiletten), Tourismusmanagement, Alternative Energien, Bildung und vieles mehr.
Sie betreibt auch mehrere Schulen und Kitas in Bhujung.
Das Buero in Bhujung ist von 10-17 Uhr offen. Freitags nur bis 15 Uhr. Denn in Nepal ist Samstag Feiertag. Und vor 10 Uhr passiert in Nepal erstmal gar nichts. Alles slooowly.

Sich an das Leben in Bhujung zu gewoehnen dauert. Es ist eben alles ganz anders. Anfangs gibt es viele Kommunikationsprobleme. Die meisten Leute hier oben sprechen nicht soo gut Englisch und bis man mal eine vernuenftige Information kriegt kann das dauern. Es gibt nur Klos zum hinhocken, man trinkt jeden Tag etwa 15 mal Tee, steht um sieben auf, isst aber erst um zehn zum ersten Mal etwas. Bhujung liegt auf ca. 1600 Metern und es gibt im ganzen Dorf glaub ich nur einen Weg, der nicht hoch oder runter geht. Ueberall Stufen und ueberall Ziegen- und Kuhkacke. Oft kommen einem die Feldarbeiter mit riesigen Korbladungen Mais oder Maisblaettern oder sonstigem entgegen. Oder Bauern mit Ziegenherden. Jeder gruesst einen mit Namaste und das ganze Dorf ist sehr freundlich. Die Leute sind super offen und herzensgute Menschen, immer am lachen oder miteinander scherzen, man hoert eigentlich nie jemanden, der wirklich wuetend ist. Viele Leute sind kleiner als ich, worauf ich sehr stolz bin. Und sie rotzen ueberall hin. Abends kommen einem auf den dunklen Wegen oefters Kuehe entgegen und schnaufen einen an. Ich erschrecke mich immer noch jedes Mal. Morgens kann man die Aussicht auf den Lamjung Himal und den Annapurna Sued, zwei wunderschoene, schneebedeckte 8000er Berge geniessen und oft gibt es abends im Jugendclub kulturelle Programme mit Tanz, Musik oder Film. Denn die Gurungs (so heisst die Kultur hier oben) feiern sehr gern - wie alle Nepalis: Diese nutzen jeden Anlass fuer Feiertage oder mehrtaegige Festivals, ob buddhistisch, hinduistisch, christlich oder sonstwas.
Da ich in der Festivalzeit des Dashain gekommen bin, passiert Anfangs erstmal nicht soo viel. Ausserdem ist das ganze Dorf seit Tagen in Aufregung. Denn am Samstag (15.10) kommen der deutsche Botschafter, der Director von NTNC und eine Konsulin aus Deutschland mit dem Helikopter zu Besuch. Ueberall werden Blumenketten gebastelt und Willkommensschilder aufgehaengt.

Als es dann soweit ist, laueft das halbe Dorf hoch zur Schule, wo der Helikopter landen wird. Die Gaeste werden mit Schals und Blumenketten empfangen, mit dem Jeep zum Dorf gefahren und auf den Teeplantagen im Dorf herugefuehrt. Ich unterhalte mich ein bisschen mit dem Piloten, einem Schweizer, der seit ein paar Monaten bei einer Helifirma in Pokhara arbeitet. Weil ich weiss bin, zufaellig neben dem Piloten laufe und das Dorf mich noch nicht soo gut kennt, bekomme ich auch so viele Blumenketten, dass mir der Nacken wehtut und sich mein Hemd gelb faerbt. Und Reis auf die Stirn. Durch das ganze Dorf stehen an beiden Seiten Nepalis und begruessen die Gaeste. Es ist ziemlich laut. Aber lustig. Alle sind supernett. Es gibt einen offiziellen Empfang und eine kleine Diskussion ueber das Projekt und wie man weiter foerdern kann. Dann noch ein Mittagessen und die Gaeste muessen schon wieder gehen. Es wird immer nebliger und der Pilot hat Angst, dass er sonst nicht mehr fliegen kann.

Die neachsten zwei Wochen helfe ich in der Kueche, lese viel, schaue der Mothers' Group bei ihren Meetings zu, lerne, wie man eine Sitzmatte aus Maisblaettern flicht, arbeite auf den Teeplantagen, wo die beiden Mitarbeiter mich zu ihrer Nepali Bhaini (Schwester) machen (sie sind jetzt meine Dhais) und in der Day Care, einer Art Kita mit 2- bis 4-jaehrigen Kindern, die alle schrecklich niedlich sind und mich immer anspringen. Es gibt keine wirkliche taegliche Routine, jeden Tag wartet eine neue Ueberraschung. Es gibt eben viele, sehr viele Festivals und dann muss gebetet und geopfert und gefeiert werden. An den Samstagen ist dann Bath Day oder man hilft irgendwo bei der Gartenarbeit. Das meine ich mit gewoehnungsbeduerftig. Kann auch passieren, dass man irgendwelche Viecher im Bett hat und dann der ganze Koerper juckt, aber dann muss man einfach das Bettzeug einmal waschen und in der Sonne aufhaengen und dann passt es auch wieder. Staendig kommt Besuch von ACAP-Officials oder Schulen aus Kathmandu oder Taenzern oder oder oder. Dafuer habe ich gelernt, wie man Henna benutzt und soviele nepalesische Tanzprogramme gesehen, dass mir schon schwindelig wird, wenn ich nur daran denke. Auf der anderen Seite findet man dann immer wieder Leute im Dorf, die doch einen Computer haben und darauf Game of Thrones gucken oder Videospiele spielen. Sie haben immer irgendwas zu tun und gute Laune und sind einfach tiefenentspannt. Und das ist wahnsinnig bereichernd. Was ich mir auf jeden Fall einfach noch mehr aneignen muss, ist die Seelenruhe, mit der die Nepalis ihr Leben angehen.
Kurz vor dem naechsten Festival fahren viele der ACAP Mitarbeiter zu ihren Familien nach Hause, ich bin also fast alleine. Nur die local staff members sind noch da. Einer von ihnen nimmt mich auf einen kleinen Trek durch den Regenwald mit. Oben auf dem Grat gibt's dann erstmal ein Bier :D
Am 31.10 kann ich mir dann eine kleine Pause goennen, fahre mit Jeep und Bus nach Pokhara und treffe meine Mutter, die zu Besuch gekommen ist! Es gibt ein freudiges Wiedersehen, ein Bier am riesigen, wunderschoenen Fewa-See von Pokhara und natuerlich ganz viel zu erzaehlen. Wir planen unsere naechsten Tage, wie wollen naemlich trekken gehen in der Annapurna-Gegend.

Als wir am naechsten Morgen ausgeschlafen und voller Vorfreude fruehstuecken gehen, wartet schon unser Guide auf uns und gegen halb zehn machen wir uns mit einem Taxi auf den Weg nach Phedi, wo unser Trek starten soll. Die Wanderwege in Nepal bestehen groesstenteils aus Steinstufen, was auf Dauer sehr anstrengend wird, weil sie naemlich auch noch ziemlich steil sind. Ausserdem ist es irre heiss. Andererseits hat das den Vorteil, dass man sehr schnell an Hoehe gewinnt. Die Landschaft ist wie immer der Wahnsinn und man kann auf Pokhara runterschauen. Es gibt superviele Lodges und Restaurants auf dem Weg, man muss sich also kaum Sorgen machen, dass man keinen Schlafplatz mehr bekommt. Wir laufen ueber Dhampus und Pothinat und erreichen nach ca. sechs Stunden Laufzeit unser Tagesziel Tholka. Es wird schon langsam dunkel. Wir bekommen ein nettes Zimmer und nach dem Essen gibt es noch ein Tanzprogramm der lokalen Mothers' Group und der Jugendlichen. Was leider bis spaet in die Nacht geht.
02.11: Um neun Uhr machen wir uns wieder auf den Weg nach Landruk. Wir passieren mehrere wunderschoene Wasserfaelle und laufen noch gefuehlt tausende steile Treppenstufen hoch und runter, bis wir gegen 17 Uhr Chhomrong erreichen. Wir befinden uns mittlerweile auf 2100 Metern und hier gibt es tatsaechlich WIFI. Abends geniessen wir den Sonnenuntergang mit Aussicht auf den Machapuchchre und den Annapurna Sued. Relativ spontan entscheiden wir uns, das Annapurna Base Camp (kurz A.B.C.) zu besuchen. Beziehungsweise werde ich alleine mit dem Guide gehen, weil meine Mutter sich wegen eines Unfalls vor zwei Monaten doch noch nicht soo fit fuehlt.
Diese Tour ist allerdings ziemlich hart. Wir wollen in drei Tagen von Chhomrong ins A.B.C und zurueck nach Ghandruk laufen. Es gibt nochmal ultraviele Stufen, es geht immer hoeher. Das Atmen wird mit jedem Schritt anstrengender und es wird nachts sehr kalt, -10 Grad. Aber als wir dann endlich im A.B.C stehen, ist das alles vergessen. Wir haben grosses Glueck mit dem Wetter, die Sonne scheint und waermt uns ein klein bisschen auf und es ist kein einziges Woelkchen zu sehen. 4130 Meter ueber dem Meer. Es ist ein unbeschreibliches Gefuehl. Die Aussicht auf den Machapuchchre, den Annapurna Sued und vor allem auf den Annapurna Hauptgipfel sind der pure Wahnsinn. Ueberall stehen Zelte von Bergsteigern und in den schattigen Plaetzen liegt noch Schnee. Der Atem dampft. Ich bin sehr froh, das ich mich entschieden habe hochzugehen, auch wenn ich zwei Tage spaeter zurueck in Pokhara nur noch tot ins Bett fallen kann.
Jetzt geniesse ich hier noch zwei freie Tage mit meiner Mutter und dann geht es auch schon wieder hoch ins Projektgebiet. Bis in vier Wochen! (hoffentlich.)